Irina Christiani machte ein sechswöchiges Praktikum im Bundestagsbüro von Daniela De Ridder. An dieser Stelle berichtet sie durchaus unterhaltsam von ihren Erfahrungen, Labyrinthen, Fledermäusen und Legebatterien. Viel Spaß beim Lesen und vielen Dank an Irina:

Während ich hier ein meine Erinnerungen zusammenschreibe, bleiben mir noch genau drei Arbeitstage meines Praktikums im Berliner Büro der SPD-Bundestagsabgeordneten Dr.  Daniela De Ridder. Die letzten fünf Wochen sind nur so an mir vorbeigeflogen. Als ich zum ersten Mal den Eingang der Dorotheenstraße 101 passierte und mich in einem riesigen Gebäudekomplex wiederfand, schoss mir nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: du wirst dich hier sehr oft verlaufen. Ich würde auf dem Weg zum Kopierer den Hungertod sterben, wahrscheinlich neben dutzenden anderen Praktikanten, die nicht über die Fähigkeit der Echoortung durch Ultraschallsignale verfügen. Vielleicht ist diese unter Fledermäusen verbreitete Gabe eine inoffizielle Grundvoraussetzung für das Politikerdasein. Auf wundersame Weise fand ich mich nach einiger Zeit dann doch ziemlich gut zurecht. Ich muss an dieser Stelle festhalten: Sich hier auszukennen, überall hineinschnuppern zu dürfen und auf eigene Faust Erkundungstouren zu unternehmen, ist ein großartiges Gefühl.

Mein Abgeordnetenbüro, meine MdB und die anderen

Meine „Homebase“ war im Jakob-Kaiser-Haus. Wenn man in den Innenhof des Gebäudes schaut, erkennt man auf den ersten Blick dutzende gleich große Fensterscheiben, die stark an eine Legebatterie erinnern lassen. Trotzdem hat jedes Büro, in dem ich mich während meiner Arbeitszeit kürzer oder länger aufgehalten habe, seinen ganz eigenen Charme. Überhaupt war ich in meinem Büro immer gut aufgehoben, was nicht zuletzt den Mitarbeitern Petra, Frederik und Max geschuldet ist, die mich sehr herzlich aufgenommen haben.

Faul sind die alle nicht

Daniela De Ridder, für das Büro und mich nur Daniela, ist Abgeordnete für den Wahlkreis Mittelems und hier im Bundestag Mitglied im Ausschuss für Bildung und Forschung. Dementsprechend ging es für mich während meiner Praktikumszeit um Fachhochschulen, Förderprogramme, Überlegungen zum Zulassungsverfahren für das Medizinstudium und andere aktuell diskutierte bildungspolitische Belange. Ich begleitete Daniela zu Ausschuss-, Arbeitsgruppen-, und Fraktionssitzungen, aber auch zu Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen außerhalb des Bundestages. Ich konnte mir so einen authentischen Einblick in ihre Arbeitswelt verschaffen. Es mag ja einige Klischees über Politiker geben, die auf den einen oder anderen zutreffen, eines davon möchte ich nach meiner Zeit hier aber für immer boykottieren: faul sind die alle nicht. Ich habe selten einen so vollen und bunten Terminkalender gesehen, wie er mir hier im Bundestag zu Beginn einer jeden Sitzungswoche in die Hände gedrückt worden ist. Wenn ich mich nachmittags auf den Heimweg machte, war für Daniela oft erst ein halber Arbeitstag bewältigt. Mir ist mittlerweile klar, dass man nicht einfach so Abgeordnete wird: Es muss viel Leidenschaft und Begeisterung – weit über ein reges Interesse an Politik hinausgehend – dahinterstecken, um diesen Job zu machen. Denn man opfert ihm auch einen Großteil seiner Freizeit.

Meine Aufgaben im Büro

Von einem langweiligen und regelmäßigen Büroalltag konnte nicht wirklich die Rede sein. Während der sitzungsfreien Wochen bekam ich vielfältige und oft auch sehr interessante Aufgaben zugeteilt. Das Spektrum der MdB-Büroaktivitäten ist breit: das Verfassen von Pressemitteilungen, inhaltliche Zuarbeiten für Daniela, politische Diskussionen mit Schulklassen auf Berlinbesuch und die Vorbereitung von eigenen Veranstaltungen bilden nur einen kleinen Ausschnitt ab. Beispielsweise durfte ich bei den Vorbereitungen zum „World Café Neue Chancen“ helfen. Das ist eine innovative Diskussionsveranstaltung zur Hochschul- und Bildungspolitik, bei der sich alle Gäste in unterschiedlichen Diskussionsrunden zu einem Thema bewegen. Meine Aufgabe war die Begrüßung der Gäste am Eingang. Außerdem musste ich verirrte Veranstaltungsbesucher aufspüren und zum richtigen Eingang geleiten. Neben solchen sehr praktischen Aufgaben beschäftigte ich mich hauptsächlich mit Recherchearbeiten, versuchte mich an Pressemitteilungen oder schrieb Briefings, die Daniela bei Podiumsdiskussionen und anderen Veranstaltungen als Vorbereitungen und Gedankenstützen dienen.

Sitzungswochen

Innerhalb der Sitzungswochen sah ich den Schreibtisch nur in Ausnahmefällen. Ich durfte mich an Danielas Fersen heften und sie zu ihren vielen Terminen begleiten.  Beispielsweise nahm ich an einer Diskussionsveranstaltung im Willy-Brandt-Haus zur Umgestaltung der Fachhochschulen Teil – natürlich nicht als Rednerin, sondern als stille, aber aufmerksame Zuhörerin. Bei solchen und anderen Veranstaltungen –  besonders denen innerhalb der Arbeitsgruppe oder Fraktion – braucht es eine Weile, bis man als Außenstehende den roten Faden der Debatte findet. Einerseits weil mir die Themenbereiche fachlich größtenteils fremd waren, andererseits weil für mich nur Ausschnitte des Laufenden Geschehens skizziert wurden. Auch, wenn ich inhaltlich nicht immer ganz mitkam, war es eine wichtige Erfahrung für mich, einen Einblick die Arbeits- und Diskussionskultur zu gewinnen, die innerhalb der Sitzungssäle im Paul-Löbe-Haus herrscht. Jede Sitzung wird einem festen zeitlichen und inhaltlichen Rahmen angepasst und sehr aufmerksam moderiert. Diese Struktur ließ sich auch bei meinem Besuch im Plenum beobachten: Welcher Abgeordnete worüber und wie lange reden darf, ist unter der Kuppel streng geregelt.

Nach knapp sechs Wochen im Bundestag kann ich sagen, dass ein Praktikum hier eine sehr lohnenswerte und spannende Erfahrung ist – und zwar nicht nur für künftige Politiker. Im Rahmen meines Studiums hat man mir ein abstraktes, theoretisches Bild von der deutschen Demokratie und den Vorgängen hier in Berlin vermittelt. In den letzten Wochen wurde das mit Farbe und eigenen Erinnerungen gefüllt.