Im Gespräch mit Edgar Lerch und Joachim Renken vom VDB – Physiotherapieverband, Landesverband Niedersachsen-Bremen e.V., erfuhr SPD-Bundestagskandidatin Dr. Daniela De Ridder von der schwierigen Lage der PhysiotherapeutInnen:

So habe es kaum Preissteigerungen für die Behandlungen in den letzten 20 Jahren gegeben und doch hätten PhysiotherapeutInnen heute mehr Aufgaben und weniger Zeit für ihre PatientInnen als je zuvor.

Mit der Führung von Patientenakten, der Beschränkung der Tätigkeit nach Heilmittelkatalog und der zwingenden Rezeptausstellung durch Ärzte sei die Tätigkeit noch weiter erschwert worden. Zudem würde bei Formfehlern auf dem ärztlichen Rezept die Krankenkassen die Leistungen nicht übernehmen. Besorgniserregend sei daher auch die Entwicklung des Berufsstandes: Eine Studie der Universität Mainz habe zeige, dass im Jahr 2015 ca. 30 Prozent der notwendigen PhysiotherapeutInnen fehlen würden; dies sei auch auf das geringe Lohnniveau (etwa 1.800 bis 1.900 € Brutto) bei gleichzeitig hohen Beiträgen für die Ausbildung zurückzuführen.

Eine Entwicklung, die gerade bei der aktuellen demografischen Entwicklung kritisch zu sehen sei, befand Dr. De Ridder: “Wir sollten für unsere Region einmal modellhaft berechnen lassen, welche volkswirtschaftlichen Schäden diese Entwicklung auslösen würde, wenn nur noch Schmerzmittel verabreicht werden und Behandlungen wie etwa Reha-Maßnahmen aufgrund des Therapeutenmangels nicht mehr verschrieben werden können oder es sehr lange Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen.”

Ein weiteres Problem sei laut Renken, dass die Ärzte in ihrem Studium nur wenige Physiotherapie-Seminare besuchen könnten und die einzelnen physiotherapeutischen Methoden nur unzureichend im Medizinstudium vermittelt würden. Zuweilen fehle daher das medizinische Wissen über die adäquate physiotherapeutische Behandlung. Wendete der Physiotherapeut dann aber Methoden an, die er für das jeweilige Krankheitsbild der PatientInnen für geeigneter halte als das verordnete, beispielsweise osteopathische Behandlungen, gerate er unter den Betrugsverdacht, – für Lerch und Renken eine unerträgliche Situation.

„Besorgniserregend” nannte Dr. De Ridder die geringe Vergütung der therapeutischen Leistungen: „Diese Heilbehandlungen sind ausgesprochen wertvoll, weil sie Menschen mit Schmerzen schnell und nachhaltig Linderung verschaffen können. Mit Blick auf die wachsende Zahl von Muskel- oder Skeletterkrankungen, die wir uns etwa durch sitzende Tätigkeiten einhandeln, wird der Behandlungsbedarf wohl auch noch wachsen. Allerdings ist auch nachvollziehbar, dass die Therapeuten für ihre Dienstleistungen auch angemessen bezahlt werden wollen und keineswegs nur auf Privatpatienten angewiesen sein dürfen. Diese Fehler in der Gesundheitsversorgung müssen geheilt werden, damit es am Ende nicht ein Zweiklassensystem bei der Versorgung gibt”, warnte die SPD-Politikerin.

Auf Nachfrage von Dr. De Ridder nannten die Physiotherapeuten beispielgebende Modelle aus den Niederlanden. Hier könnten die PatientInnen direkt einen Physiotherapeuten aufsuchen; dieser stelle eigenständig die Diagnose und entscheide dann selbst über die anzuwendende Therapie. Auch stünden die niederländischen KollegInnen in direktem Kontakt mit den Krankenkassen, verhandelten mit ihnen und würden auch von ihnen kontrolliert. Erfreulich sei auch, dass das niederländische Modell sich als durchweg kostengünstig erwiesen habe.