Das große Schweigen
Es ist das bestgehütete Geheimnis der deutschen Kulturszene: Was verdient eine Künstlerin wirklich? Während in anderen Branchen Gehälter zunehmend transparent werden, herrscht im Kulturbetrieb noch immer ein eisernes Schweigen über Honorare. Dieses Schweigen ist nicht nur peinlich – es ist destruktiv und hält eine ganze Branche in der Prekarität gefangen.
Die Zahlen sind erschreckend: Laut dem Deutschen Kulturrat verdienen 40 Prozent der freischaffenden Künstlerinnen weniger als 10.000 Euro im Jahr. Gleichzeitig werden Kulturveranstaltungen als gesellschaftlich unverzichtbar gefeiert, Kunst als systemrelevant bezeichnet. Dieser Widerspruch ist nicht nur zynisch – er ist ein Systemversagen.
Die Mythen der Kunstwelt
Warum schweigen Künstlerinnen über ihre finanzielle Situation? Die Gründe sind vielfältig und tief in der Romantisierung der Kunst verwurzelt. Da ist der Mythos der "brotlosen Kunst", der suggeriert, wahre Künstlerinnen würden für die Kunst leben, nicht von ihr. Da ist die Angst, als geldgierig zu gelten, wenn man über angemessene Bezahlung spricht. Und da ist die sehr reale Furcht, Aufträge zu verlieren, wenn man zu hohe Forderungen stellt.
Diese Mythen sind nicht nur falsch – sie sind gefährlich. Sie verschleiern die Tatsache, dass Kunst Arbeit ist, qualifizierte, oft jahrelang erlernte Arbeit, die wie jede andere Arbeit angemessen entlohnt werden muss. Wer das Gegenteil behauptet, betreibt Ausbeutung unter dem Deckmantel der Kunstliebe.
Der Gender-Faktor
Besonders perfide wird das System, wenn man den Gender-Aspekt betrachtet. Frauen in der Kunstwelt verdienen nicht nur generell weniger als ihre männlichen Kollegen – sie schweigen auch häufiger über ihre prekäre Situation. Studien zeigen, dass Künstlerinnen seltener Honorarverhandlungen führen und häufiger unbezahlte Zusatzleistungen erbringen.
Die Soziologin Dr. Sarah Weber von der Universität Hamburg bringt es auf den Punkt: "Frauen in der Kunst internalisieren oft die Vorstellung, dass ihre Arbeit weniger wert ist. Sie fühlen sich privilegiert, überhaupt arbeiten zu dürfen, und vergessen dabei, dass sie Expertinnen sind, die faire Bezahlung verdienen."
Photo: Universität Hamburg, via ehs.princeton.edu
Internationale Vorbilder
Dabei zeigen andere Länder, dass es auch anders geht. In Skandinavien sind Künstlerhonorare oft öffentlich einsehbar, in Großbritannien gibt es branchenweite Mindestlohntabellen für verschiedene Kunstsparten. Diese Transparenz führt nicht zu weniger Kunst – im Gegenteil. Sie führt zu besserer Kunst, weil Künstlerinnen sich auf ihr Schaffen konzentrieren können statt auf das Überleben.
Die britische Choreografin Akram Khan erzählt: "Seit wir offene Honorarstrukturen haben, ist die Qualität der Bewerbungen gestiegen. Künstlerinnen wissen, was sie erwartet, und können entsprechend planen. Das macht alle professioneller."
Konkrete Schritte zur Veränderung
Was muss sich in Deutschland ändern? Zunächst brauchen wir eine Kultur der Transparenz. Künstlerinnen müssen anfangen, über Geld zu sprechen – untereinander, mit Veranstaltern, in der Öffentlichkeit. Das ist unbequem, aber notwendig.
Zweitens brauchen wir branchenweite Standards. Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren hat bereits Honorarrichtlinien entwickelt, die als Mindeststandard dienen können. Diese müssen ausgebaut und von allen Kulturinstitutionen übernommen werden.
Drittens müssen Förderinstitutionen ihre Verantwortung ernst nehmen. Wer Kulturprojekte fördert, muss sicherstellen, dass angemessene Honorare Teil der Förderung sind. Kunst um jeden Preis ist Kunst auf Kosten der Künstlerinnen.
Die Rolle der Institutionen
Besonders die großen, öffentlich geförderten Kulturinstitutionen stehen in der Pflicht. Theater, die mit Millionenetats operieren, aber Gastregisseurinnen mit Hungerlöhnen abspeisen, handeln nicht nur unfair – sie handeln gegen ihre gesellschaftliche Aufgabe.
Die Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, Shermin Langhoff, geht mit gutem Beispiel voran: "Wir haben unsere Honorarstrukturen komplett transparent gemacht. Das war anfangs unangenehm, aber es hat zu mehr Vertrauen und besserer Zusammenarbeit geführt."
Photo: Shermin Langhoff, via www.victor.co.nz
Photo: Berliner Maxim Gorki Theater, via media.onthemarket.com
Solidarität als Strategie
Letzten Endes ist die Lösung des Honorarproblems eine Frage der Solidarität. Etablierte Künstlerinnen müssen ihre Privilegien nutzen, um für faire Bezahlung zu kämpfen – auch für die, die weniger Verhandlungsmacht haben. Kulturinstitutionen müssen verstehen, dass faire Honorare nicht Luxus sind, sondern Grundvoraussetzung für eine lebendige Kulturszene.
Und die Gesellschaft muss akzeptieren, dass Kultur ihren Preis hat. Wer Kunst will, muss bereit sein, dafür zu zahlen – nicht nur als Konsument, sondern auch als Steuerzahler, der angemessene Kulturförderung unterstützt.
Der Aufbruch beginnt jetzt
Die gute Nachricht: Der Wandel hat bereits begonnen. Immer mehr Künstlerinnen sprechen offen über ihre Honorare, immer mehr Institutionen führen transparente Bezahlungsstrukturen ein. Die Pandemie hat zudem gezeigt, wie schnell sich vermeintlich unveränderliche Strukturen wandeln können.
Jetzt ist der Moment, das Momentum zu nutzen. Für eine Kulturszene, in der Talent und Qualität entscheiden, nicht die Bereitschaft zur Selbstausbeutung. Für eine Kunstwelt, die ihre Akteurinnen respektiert – auch finanziell. Das Schweigen über Geld muss ein Ende haben. Die deutsche Kulturszene hat es verdient – und ihre Künstlerinnen erst recht.