Obdachlos in Zeiten von Corona

Grafschaft Bentheim/Emsland. Wie gehen eigentlich Menschen ohne festen Wohnsitz mit der Corona-Krise um? Die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Daniela De Ridder tauschte sich in einer Online-Gesprächsrunde mit Arne Bergmann und Hildegard Nyboer vom Ev.-ref. Diakonischen Werk Grafschaft Bentheim sowie mit Wilhelm Berkenheger von der Caritas Meppen über die Schwierigkeiten und Probleme von Wohnungslosen während der Pandemie aus.

„Covid-19 war und ist für viele von uns eine Herausforderung. Schon vor dem Kontaktverbot, direkt nach dem ersten Aufruf an die Bevölkerung, zuhause zu bleiben, stellte sich die Frage, wie Menschen ohne Obdach die Krise bewältigen würden. Isolation, Home-Office, eingeschränkte Treffen von verschiedenen Haushalten – all diese Maßnahmen gehen an der Lebensrealität von Wohnungslosen vorbei. Ich will wissen, wie es diesen oft vernachlässigten Menschen in Zeiten der Pandemie geht, wie sich die Corona-Maßnahmen auf ihr ohnehin schwieriges Leben auswirken und wie die helfenden und beratenden Institutionen in ihrer Arbeit unterstützt werden können, damit die Lebenslage von Wohnungslosen zumindest ein wenig gelindert werden kann“, erklärte Dr. Daniela De Ridder, Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Mittelems, zu Anfang.

Arne Bergmann vom evangelisch-reformierten Diakonischen Werk Grafschaft Bentheim stellte von Beginn an klar, dass Wohnungslose auf keinen Fall weiterhin vernachlässigt werden dürften. Die zunehmende Digitalisierung und die Online-Angebote, die in der Pandemie immer mehr Vor-Ort-Termine ersetzen, lasse Menschen, die keine feste Bleibe – und damit auch keinen dauerhaften Internetzugang – haben, und deren Situation außen vor. Seine Apell lautet daher auch, den Zugang zu Ämtern, die aufgrund der Pandemie geschlossen seien, nicht noch weiter einzuschränken und die Lebenssituation von Menschen ohne festen Wohnsitz noch zu erschweren.

Seine Kollegin Hildegard Nyboer pflichtete ihm sehr deutlich bei und gab zu bedenken, dass die Obdachlosenunterkünfte meist nicht pandemie- oder geschlechtergerecht ausgebaut seien. Einzelzimmer seien die Ausnahme und weder die Schlafräume noch die Sanitäranlagen seien geschlechtergetrennt. Die Herausforderungen bei der Unterbringung von Frauen zeige sich daher als ganz besondere Herausforderung, für die dringend Problemlösungen gebraucht werden. Preiswerte Hotels etwa, auf die man sonst zurückgreife, böten wegen des Beherbergungsverbots oder deren Schließung keine Lösung. Es bedürfe dringend probater Lösungen und weitsichtiger Entscheidungen, die auch die Menschen mit erheblichen Belastungen nicht aus dem Blick verlieren. Hinzukäme, dass durch Corona die Zahl der Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht seien langsam, aber kontinuierlich ansteige. Inzwischen sei der bezahlbare Wohnraum auch im Emsland und in der Grafschaft Bentheim knapp geworden. Minijobberinnen, Personen in prekären Arbeitsverhältnissen, Menschen in Kurzarbeit oder solche, die in der Pandemie ihren Job verloren haben, so die Berater*innen, wissen häufig nicht mehr, wie sie noch ihre Miete bezahlen sollen. Hier zeige sich, wie gravierend der Mangel an sozialem Wohnungsbau sei, der leider auch in unserer Region sträflich vernachlässigt wurde. Auch dies sei eine dringende Handlungsoption für die Politik im Bund, im Land und auf regionaler Ebene.

Der von der Caritas in Meppen zugeschaltete Wilhelm Berkenheger schilderte eindrucksvoll die physischen und psychischen Belastungen, die Obdachlose aufgrund der Corona-Beschränkungen zusätzlich erleiden müssen. So sei das letzte Jahr mit vier Todesfällen von Wohnungslosen das schlimmste in der Geschichte der Caritas Meppen. Ein Leben auf der Straße, so die Faustregel, koste zehn Lebensjahre. Zudem tragen gerade die winterlichen Bedingungen noch in erheblicher Weise zur Verschlechterung der Lebensbedingungen der Betroffenen bei. Doch es gebe auch Lichtblicke: Die Menschen im Emsland und in der Grafschaft zeigten sich sehr solidarisch, ob bei der Unterbringung von Wohnungslosen im eigenen Haushalt, viele derjenigen, die ihr Dach über dem Kopfe verloren hätten, fänden Unterschlupf bei Freunden, Familie oder in der Nachbarschaft.  Auch die Spendenbereitschaft sei nach wie vor hoch, gleichwohl bedürfe es weiterer solidarischer Hilfen. So reiche das Geld für viele nicht aus, was Berkenheger mit der Forderung nach mehr finanzielle Hilfen für Wohnungslose verband.

Als De Ridder nach den Einschränkungen in der Arbeit der Hilfsorganisationen fragte, waren sich alle drei einig: Home-Office sei in der sozialen Arbeit und besonders in der Obdachlosenhilfe nicht möglich. Ihre Arbeit lebe vom unmittelbaren Kontakt mit den Menschen. Die Betroffenen verließen sich auf die fortlaufende Arbeit der Beraterinnen und Helfer, berichtete Berkenheger. Einige bekämen über die Obdachlosenhilfe ihre Sozialbeiträge, ihre Anlaufstellen dürften nicht schließen, da sie lebenswichtig, ja sogar elementar seien.

„Ihre Arbeit ist systemrelevant und sowohl die Mitarbeiter*innen, als auch die Betroffenen sollten schnell die Möglichkeit ihr Dasein nicht ohne Unterstützung fristen zu müssen. Die Abwärtsspirale dreht sich häufig rasch nach unten und das Leben auf der Straße oder ohne festen Wohnsitz ist unermesslich hart und bitter. Wir sollten dringend dazu beitragen, den Betroffenen ein einfacheres und sichereres Leben zu ermöglichen. Für mich sind die Frauen und Männer von der Obdachlosenhilfe echte Held*innen des Alltags! Sie kümmern sich um Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und viel zu oft übersehen werden. In Zeiten der Krise sind sie die letzte Bastion, die sich nicht zurückziehen kann, da sich Andere auf sie verlassen. Mit dieser beispielhaften Solidarität kommen wir gut durch die Pandemie“, bekräftigt De Ridder abschließend.

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