Reisebericht aus Tunesien und Jordanien: Bildungspolitik zur Bekämpfung von Fluchtursachen

Berlin/Tunis/Amman. Im Rahmen der Strategie zur Außenwissenschaftspolitik der SPD-Bundestagsfraktion war ich in Tunesien und anschließend in Jordanien unterwegs. Unsere Politik zielt darauf ab, Fluchtursachen durch Bildung und Politik zu bekämpfen, ein lebenswertes Umfeld sowie Stabilität in den Krisenregionen Nordafrikas und des Nahen Ostens zu schaffen. Es war eine beeindruckende Reise mit vielen einprägsamen Erlebnissen.

Meine Reise begann mit meiner Kollegin Gabriele Groneberg in Tunis. Tunesien gilt im Vergleich zur gesamten Region Nordafrikas noch als Stabilitätsanker, was für unsere Pläne die Transnationalen Bildungskooperationen zu stärken von unschätzbarem Wert ist. Während wir in der Debatte auf weltpolitischer Bühne beim Thema Fluchtursachen zumeist nur etwas über den sicherheitspolitischen Aspekt hören, bleibt eine substanzielle Herangehensweise zur Stärkung und Stabilisierung der Gesellschaft vor Ort ausgeblendet – daran will ich etwas ändern, wofür ich mich auf den Weg gemacht habe.

Wichtig ist, dass wir uns genau anschauen, was wir für eine Kooperation auf Augenhöhe und eine erfolgreiche Förderung konkret brauchen. Es gibt viele Formen von Bildungskooperation, doch brauchen wir für die Länder des Magreb und des Nahen Osten eine besondere Strategie. Auf der Basis eines soliden Schulsystems müssen wir vor allem ein hochschulisches Angebot schaffen, bei dem Studierende an den Bedarfen des Arbeitsmarktes vor Ort lernen und forschen. Das wurde auch bei Gesprächen mit Dr. Martin Henkelmann von der Deutschen Außenhandelskammer in Tunesien, dem Sozialreferenten der deutschen Botschaft Franz Maget sowie mit Frau Schindler-Kovats deutlich.

Die Etablierung einer Fachhochschule würde einen weiten Schritt nach vorne bedeuten. Fachhochschulen bieten genau jene Studienangebote, die die Regionen dort benötigen: praxisorientiertes, wissenschaftliches Know-how in den Bereichen der Natur- und Ingenieurswissenschaften sowie im Sozial- und Gesundheitswesen. Vor allem gilt es, die wirtschaftliche Kraft, und damit die Zukunft junger Menschen, zu verbessern. Erst wenn junge Männer und Frauen echte Chancen haben, in ihren Heimatländern gute Erwerbsmöglichkeiten zu erhalten, werden sie vermeiden, sich auf den schwierigen, manchmal sogar tödlichen Weg nach Europa zu machen. Wie beherzt und mutig junge Menschen ihren Lebensweg einschlagen, zeigte uns das Programm „Génération Avenir“ der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunesien, bei dem wir Gelegenheit hatten, mit jungen Hochschulabsolventinnen und -absolventen sowie Studierenden zu sprechen.

Nach meinem Aufenthalt in Tunesien ging es weiter nach Amman in Jordanien. Das Land nimmt schließlich eine geostrategische Schlüsselposition in einer von Krisen geplagten Region und als Nachbarland Israels und Syriens ein. Klar ist, dass die Zukunft der gesamten Region von den verbleibenden Stabilitätsankern abhängt und wir diese nicht Preis geben dürfen. Das wurde auch bei einem Besuch des jordanischen Wissenschaftsministeriums (Ministry of Higher Education and Scientific Research of the Hashemite Kingdom of Jordan) deutlich. Das Jordanien ein großes Potenzial besitzt, wurde bei der Besichtigung des Teilchenbeschleunigers SESAME deutlich, an dem internationale Physiker aus aller Welt bereits forschen und der die jordanische Forschungslandschaft bereichert.

Neben der internationalen Zusammenarbeit an dem Teilchenbeschleuniger haben wir bereits seit längerem mit der German-Jordanian University ein Musterbeispiel für die gelungene Kooperation im hochschulischen Bereich. Der Besuch dort überzeugte mich erneut von dem Potenzial hinter dem Ansatz der Transnationalen Bildungskooperationen. So hatte ich einen regen Austausch mit dem Präsidenten der Hochschule Professor Natheer Abu Obeid und der Vize-Präsidentin Professorin Dr. Dorit Schumann sowie mit Professor Andreas Geiger, der als ehemaliger Rektor der Kooperationshochschule Magdeburg-Stendal an der Gründung der German-Jordanian University mitgewirkte. Gemeinsam kam ich mit den Beteiligten zu dem Schluss, dass wir für die Stärkung der Bildungspolitik vor Ort unseren Austausch und unsere Kooperation auf der parlamentarischen und ministerialen Ebene stetig intensivieren müssen – und zwar auch über die Außenpolitik hinaus. Wir brauchen vielmehr einen ressortübergreifenden Ansatz, bei dem wir auf dem Vorhandenen aufbauen und zu substanziellen Lösungen kommen.

Abschließend war ich in dem palästinensischen Flüchtlingslager Jerash. Vor dem was dort passiert, dürfen wir die Augen nicht verschließen – das Lager beherbergt palästinensische Flüchtlinge seit nunmehr rund 50 Jahren und die Menschen dort leiden an einer besonders unsicheren Ausgangslage, was ihren Status und ihre Zukunft betrifft. Die Eindrücke dort bestärken mich in meinen Zielen, dass wir dringend mehr tun müssen, als ausschließlich über sicherheitspolitische Maßnahmen zu sprechen. Deshalb gilt es nun, die Bildungspolitik erfolgreich voran zu bringen!

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